Kathrin Bolt ist die erste reformierte Pfarrerin in der St.Laurenzenkirche.

#37 Kathrin Bolt – die neue Pfarrerin der St. Laurenzenkirche ganz persönlich

Für die reformierte Pfarrerin Kathrin Bolt, Interviewgast in der ersten fadegrad-Podcastfolge nach der Sommerpause, steht eine grosse Veränderung an: Ab 1. September wird sie die erste Frau als Pfarrerin an der St.Laurenzenkirche in St.Gallen sein. Die 41-Jährige folgt Hansruedi Felix nach, der in Pension ging. 

Die reformierte Pfarrerin, die davor 13 Jahre in Straubenzell tätig war, schaffte es immer wieder mit spektakulären Aktionen in die Medien: Zuletzt zersägte sie mit einer Motorsäge eine Kanzel – den Ort, von dem aus traditionell die reformierte Predigt im Gottesdienst gehalten wird. Wie sie das Möbelstück verwandelte, warum sie den Pfarrberuf wählte und was sie als erste Pfarrerin an der Laurenzenkirche plant, erzählt Kathrin Bolt im fadegrad-Podcast.

Darüber sprechen Kathrin Bolt und Ines Schaberger in dieser fadegrad-Podcastfolge:

  • 00:21   Intro: Zeit der Neuanfänge & Vorstellung Podcastgast
  • 01:48   Warum wurde Kathrin Bolt reformierte Pfarrerin?
  • 03:27   Als Kathrin Bolt mit sich und dem Studium haderte…
  • 05:51   Was die Schwester der Olma-Präsidentin über unser Wirtschaftssystem sagt
  • 06:50   Highlights aus dem Pfarrberuf
  • 08:49   Warum eine Pfarrerin auf die Predigt verzichtet und eine Kanzel zersägt…
  • 13:08   Die erste Pfarrerin in der St.Laurenzenkirche
  • 16:21   Neue Projekte & Pläne für die St.Laurenzenkirche
  • 19:43   Wiborada-Projekt: Warum hat Kathrin Bolt sich freiwillig in einer Zelle einschliessen lassen?
  • 26:11   Verabschiedung und Ausblick: Das gibt es Neues beim fadegrad-Podcast

Ich bin eine fragende, zweifelnde Person. Zweimal wollte ich das Theologiestudium abbrechen…

Kathrin Bolt ist seit 13 Jahren evangelisch-reformierte Pfarrerin

Der Pfarrberuf wurde Kathrin Bolt quasi in die Wiege gelegt. „Meine Mutter sagte schon in der Primarschule zu mir: ‚Du könntest mal Pfarrerin werden!‘“, erzählt sie. Gleichzeitig konnte sie sich viele andere Berufe vorstellen, war kurzzeitig am Lehrerinnen-Seminar und studierte ein Semester Cello – doch schliesslich wechselte sie doch zur Theologie.

„Ich bin eine fragende, zweifelnde Person. Mit der Sprache der Bibel, die immer vom „Herrn“ und „Herrscher“ spricht, hatte ich meine Mühe“, verrät Kathrin Bolt im fadegrad-Podcast. Sie haderte damit, immer wieder erklären zu müssen, dass sie „so etwas Komisches wie Theologie“ studiere. Zweimal wollte sie das Studium abbrechen und hatte sich schon exmatrikuliert. Zu Semesterbeginn studierte sie dann doch weiter.

Das Schönste am Pfarrberuf

Heute ist sie glücklich mit ihrer Entscheidung für den Pfarrberuf. „Als Pfarrerin ist kein Tag wie der andere“, schwärmt Kathrin Bolt und erzählt von Begegnungen, wenn sie ein Kind tauft, ein Paar zur Hochzeit begleitet oder eine Abschiedsfeier gestaltet. „Ich komponiere gerne ein Ritual, das Zusammenspiel von Musik, Text und Schweigen“, sagt Bolt, die in ihrer Freizeit auch als Schauspielerin bei den „Carebelles“ unterwegs ist.

Als Pfarrerin probiere sie gerne Neues aus. So verzichtete sie mit ihren Kolleg:innen bereits zwei Mal für einige Wochen auf die sonntägliche Predigt, das Herzstück des reformierten Gottesdienstes. „Mein Wunsch ist, dass der Gottesdienst Menschen abholt, wo sie sind und sie ihre Lebensgeschichte vor Gott bringen können mit dem Bibeltext, der an diesem Sonntag dran ist“, erklärt sie. Daher versuche sie, den Monolog der Predigt aufzubrechen. 

„Jeder Mensch ist fähig, theologisch zu denken“

Aus diesem Grund griff sie zur Motorsäge und zersägte eine Kanzel, die sie als „Monolog-Möbel“ bezeichnet. Jugendliche verwandelten diese in einen „Tisch der Gemeinschaft“. „Wir möchten uns damit vom erhobenen Zeigefinger verabschieden, denn jeder Mensch ist fähig, theologisch nachzudenken“, sagt die reformierte Pfarrerin.

Neue Herausforderung für Kathrin Bolt in St.Laurenzen

Auf ihre neue Stelle in der St.Laurenzenkirche freue sie sich sehr. „Erwartungen sind da, aber ich versuche mich nicht unter Druck zu setzen, dass ich mehr leisten müsste, weil ich die erste Frau an dieser Stelle bin“, sagt sie. Sie wird bereits etablierte Projekte wie die Feiern bei Stadtfesten weiterführen, interreligiöse Feiern gestalten und die Installierung einer neuen Orgel begleiten. 

Von Konkurrenzdenken hält sie nichts. „Besonders freue ich mich auf die Frauenpower, die gerade entsteht, und darauf, neue Akzente in der Frauenökumene zu setzen.“ So werde sie Exerzitien im Alltag gemeinsam mit Hildegard Aepli durchführen.

Aus der Wiborada-Zelle kam irgendwie eine Kraft.

Kathrin Bolt lebte eine Woche lang als Inklusin wie die heilige Wiborada

Ein ökumenisches Projekt, bei dem die reformierte Pfarrerin bereits mitwirkte, ist das Wiborada-Projekt. Eine Woche liess Kathrin Bolt sich freiwillig in einer kleinen Zelle bei der St. Mangenkirche einschliessen – auf den Spuren der heiligen Wiborada, der ersten Frau, die in der katholischen Kirche heiliggesprochen wurde. Die Inklusin wirkte als Ratgeberin weit über die Stadt St.Gallen hinaus.

„Die Zelle ist viel komfortabler als damals im Mittelalter“, lacht Kathrin Bolt. „Es ist verrückt, das zu sagen, aber am schwierigsten war es für mich, wieder aus der Zelle zu müssen und diese Ruhe und Stille wieder zu verlassen“. In der Zurückgezogenheit sei ihr klar geworden, wie durchgetaktet ihr Leben und das ihrer Familie seien.

Kathrin Bolt ohne Terminkalender

Zurück aus der Zelle, brachte sie ein Auto voller Gegenstände ins Brockenhaus, „weil ich merkte, dass ich loslassen und weniger besitzen möchte“. Besonders war für sie auch die Erfahrung, ohne Smartphone, Terminkalender und Computer zu leben. „In der Zelle kann man erleben, wie es ist, wenn jemand nicht abgelenkt, sondern voll und ganz da ist“, sagt sie.

Der Terminkalender der Pfarrerin wird sich mit Anfang September wieder gut füllen. Es ist ihr zu wünschen, dass sie die Ruhe und Gelassenheit aus der Wiborada-Zelle behalten kann. Eine der ersten Entscheidungen, die anstehen, ist die Frage, von wo aus sie in der St.Laurenzenkirche predigen wird. Vermutlich nicht von der hohen Kanzel herab. 

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